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Archäoastronomische Forschungen im nordwestlichen Afrika

 

Im Februar 2019 hatte ich bei einem gelegentlichen Sudmarokko-Trip gute Gelegenheit die lang ersehnte Autopsie des archäologischen Areals von Foum al-Rjam am Rande der westlichen Sahara südlich von Zagora im Drâa-Tal und nördlich von Sanddünnen von Mhamid nahe der Grenze zu Algerien durchzuführen. In Begleitung meiner Frau und eines lokalen geländekundigen Führers gelang uns mit zwei Geländewägen die Inspizierung des riesigen Gräberfeldes mit einigen tausend steinernen Tumuli, datiert zwischen 1. Jahrtausend v. Chr. und 4. Jahrhundert. n. Chr. Dazugehörende Siedlung auf der benachbarten felsigen Erhöhung ist zweifellos eine protoberberische Festung, interessant sind auch  (dazugehörende?) prähistorische Felszeichnungen mit Pferden- und Reitermotiven, unweit des archäologischen Kernareals in etwas abgelegener Bergregion. Die Kunstwerke stammen höchstwahrscheinlich aus noch älterer Zeit, nämlich aus einer Epoche, in der die Randgebiete der Sahara noch fruchtbarer, belebter und bewohnter gewesen sind als heute.

Die Untersuchung der prähistorischen und antiken Nekropole, die seit französischer Forschungen in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt geworden sind und seit dem leider immer wieder Opfer massiver Grabräuberei durch die Einheimischen ausgesetzt sind, galt in erster Linie der Himmelsorientierung einzelner Tumuli, ihrer archäoastronomischen Ausrichtung im Bezug auf Sonnenauf- und Untergang, Sommer und Wintersolstitium wie auch gegenüber Abweichungen der Ekliptik durch die Präzession in Laufe der Jahrtausende. Ein Vergleich mit ähnlichen Grabbauten im westafrikanischen maghrebinischen Kulturkreis sowie mit der Himmelsaurichtung gleichzeitiger Grabbauten im syrisch-mesopotamischen Raum, insbesondere um die antike Stadt Harran in Padan Aram (Nordwestmesopotamien) ist denkbar. In erster Linie gibt es verblüffende Ähnlichkeiten in der Konstruktion und Ausrichtung der Gräber mit den viel diskutierten Grabmonumenten von Eski Sumatar in Tektek Gebirge, die unter anderem von den arabischen Historiographen (al-Masoudi, al-Biruni und asch-Schahrastani) auch als astronomische Tempelanlagen (Planetenheiligtümer oder astronomische Observatorien) den sternkundigen Sabiern von Harran zugeschrieben worden sind.

Darüberhinaus gibt es Berichte, dass dieses heidnischen Sabier jährlich Pilgerfahrten nach Indien, Ägypten und Afrika betätigten. Ob sie kulturelle Kontakte zu Westafrika hatten, ist ein Ziel dieser Studie. Sowohl in den syrischen Grabdenkmälern wie in der antiken berberischen bzw. protoberberischen Grabarchitektur und ihrem kultischen Zweck sieht man gerne die Vorläufer des späteren islamischen Gräberkultes. In Westafrika hat sich wohl in der Anlehnung an den vorislamische Herrscherkult eine intensive Heiligenverehrung um die mächtigen Murabit (eine Art islamisch sufistischen Awlia) entwickelt – ein aus der Sicht der islamischen Orthodoxie stark umstrittener landesspezifischer Gräberkult. Letztendlich auch die umstrittene Verehrung der Königin Tin Hinan als der Stammmutter der Tuareg, die angeblich bereits im 4. Jh. n. Chr. als Muslimin lebte, wohl aber als vorislamische Prophetin der Tuareg zu verstehen sein wird. Hier kommt man nicht vorbei am ebenfalls umstrittenen Archäologen, aber wohl prominennteste “Grabräuber” aller Zeiten mit schön klingenden Namen Count Byron Khun de Prorok, der nebenbei auch eine selbstständige Präsentation im separaten Exposé verdient – nicht zuletzt wegen seiner Pionierleistung auf dem Gebiet der Aerofotographie und erstem Einsatz der Filmkamera in der archäologischen Forschung.

Die angesprochenen antiken Altertümer könnten den materiellen Relikten einer hamitisch-kuschitischen Protoberberei zugeordnet werden, wie etwa auch das antike Kulturvolk der Garamanten (vermutlich die Vorfahren der modernen Tuareg), die von den alten Griechen als berühmte Pferdezüchter, Reiter und Streitwagenführer genannt werden und von denen im 5. Jh. v. Chr. auch schon Herodot schreibt. Im ursprünglichen Siedlungskerngebiet der Garamanten (das historische Fessan in der libyschen Wüste) sind an Felswänden Höhlenzeichnungen erhalten, auch Schriftzeichen. Diese sog. Tifinagh-Schrift wird auch heute noch von den Berbern und Tuareg verwendet und ist höchstwahrscheinlich aus dem libyschen bzw. dem phönizischen Alphabet entstanden. Das Garamanten, wie heute noch die Tuareg, ein heterogenes nomadisches Volk gewesen sind, vermutete schon Ladislaus von Almásy, der die berühmten Felszeichnungen im südwestlichsten Teil der libyschen Wüste (Zarzura – Oase der kleinen Vögel in Ägypten) entdeckte, die er entweder den Garamanten oder den Tibu zuschrieb.

Das archäologische Areal des unteren Drâa-Tales südlich von Zagora und das Gräberfeld von Foum al-Rjam wurde seit 2015 bis 2017 in Etappen in mehreren Surveys systematisch von den Althistorikern und Archäologen der Universität Leicester, Oxford, Cambridge und Durham unter der Aufsicht der marokkanischer Antikenverwaltung (Institut National des Sciences de l’Archeologie et du Patrimoine) durchgeführt. Eine Publikation der Forschungsergebnisse ist bereits veröffentlicht worden, ebenfalls eine Sammelpublikation über die Bestattungskultur, Migration und Identität im westlichen Sahara und darüber hinaus. Das vorliegende Exposé ist neben seiner fachspezifischen Darstellung gleichzeitig auch ein Beitrag zur Geschichte der Archäologie.