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Ein Konflikt der Kulturgeschichte

Archetyp der Homoerotik im Orient 480x  Copyright © ►

Obwohl die Gleichgeschlechtlichkeit als ein öffentlich repräsentativer Manifest in allen historischen Entwicklungsfasen und Generationen des Menschengeschlechts verschieden ausgeprägt und auch sehr abweichend Beurteilt worden ist, begegnet die jeweils etablierte Gesellschaftsnormative dieses soziale Verhaltensphänomen stets mit einem gewissen Vorbehalt. Grundsätzlich als eine suspekte und rechtswidrige Randerscheinung betrachtet, stieß sie überwiegend auf zivilisatorisch begrenzte Akzeptanz bis hin auf die radikale Ablehnung und strafrechtliche Verfolgung. Ihre Kompatibilität mit dem jeweiligen moralischen Ehrenkodex einer Hochkultur ist vor allem als Modifizierung ihres öffentlichen Auftretens aufzufassen. Ihre vorsichtige Distanzierung bzw. Anpassungsfähigkeit an das allgemein “Verträgliche” schöpft aus latenten homoerotischen Urbildern im kollektiven menschlichen Unbewusstsein. Etwa aus dem Archetyp einer “harmlosen” Bewunderung, Freundschaft und Liebe, wie man sie in altorientalischen und klassischen Heldenerzählungen sowie in der altgriechischen und persischen Poesie des Öfteren begegnet. Falls diese latenten homoerotischen Urbilder in unseren modernen Neologismen 13130059wvBklischeehaft befangen werden, können diese manch einer falschen Interpretation unterliegen. Und doch ist es nicht immer gerechtfertigt und zutreffend unter dem Deckmantel einer suggestiven „platonischen Liebe“, die sie in der Tiefenpsychologie nie gegeben hat, diverse Assoziationen und Gleichsetzungen mit moderner Homosexualität, geschweige mit “homosexueller Identität”, die sie im Grunde auch nicht gibt, zu ziehen. Diese Betrachtungsweise ist nicht immer zulässig und ihre Bezeichnung mit modernen termini technici in meisten Fällen nicht zutreffend. Vielmehr sind die Vergleiche und Parallelen aus den archaischen Verhaltensmustern und Lebensweisen auf die modernen Denkstrukturen übertragbar. Dieses archetypische „Denken“ und „Handeln“ kann also kulturbedingt ein wenig modifiziert wohl kontinuierlich auf die Erscheinungsbilder des modernen homoerotischen Verhaltens projiziert werden. Denn der Mensch ist in seiner Präposition, Betrachtung und Anpassung des sexuellen Begehrens und Verhaltens weder „moderner“ noch „bewusster“ geworden, sondern er reagiert nach wie vor nach klar definierten kollektiven Urbildern einer Gesellschaft. Er passt sich also dem „Erlauben“ und „Verbotenen“ in perfekter Weise an. Man kann von einer existentiellen Erhaltungsstrategie sprechen. Gerade bei näherer Betrachtung verschiedenster Beispiele aus dem farbenprächtigen orientalischen Kulturraum kann man kulturanthropologisch und motivhistorisch de facto von einer „Archäologie“ der Homoerotik ausgehen. Mit anderen Worten von vielen Faktoren abhängigen “Entwicklungsfasen” des Bewusstseins und deren stratigraphischer Kulturaufschichtung. Gerade im Morgenland, wo die archaischen Gesellschaftsstrukturen und altorientalischen Denksysteme noch nicht gänzlich aus dem Junge Beduinekollektiven Bewusstsein verlorengegangen sind, kann man an musterhaften Beispielen die Konflikte zwischen Verhaltensweisen der Akzeptanz und Ablehnung sehr konsequent unterscheiden. Nämlich das vorhandensein unzäliger Diskrepanzen zwischen einer Kontinuität verschiedenster traditioneller Reflexionen im homoerotischen Verhalten auf der einen und metaphysisch bedingten Interreaktionen von etablierten Phobien innerhalb einer regionalspezifischen Gesellschaft samt ihrer religiös, legislativ und politisch geregelten Moralauffassung, Erziehung und Lebensweise auf der anderen Seite.

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“Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben.”

Machiavelli (15./16. Jh.)

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„Nicht alles Männliche ist männlich im Extremen und nicht alles Weibliche ist weiblich im Extremen und es gibt männliche und weibliche Frauen und Männer.“

Zakkariya ar-Razi (9. Jh.)

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„Der Orientale wird mit einer Maske geboren und er stirbt mit einer Maske.“

„Obwohl der Righistan sich fast unter den Augen des Emirs befindet, gibt es doch in ganz Buchara, ja vielleicht im ganzen Turkestan keinen Ort, wo so viel garstige Sünden begangen werden wie hier. Das bekannte abscheuliche Laster der Orientalen, das an den Ufern des Bosporus anfängt und auf dem Wege nach Osten allmählich merklich wird, hat hier seinen Gipfelpunkt erreicht. Über Dinge, die unser europäisches Gefühl aufs höchste empören würde, wird hier wie über einen unschuldigen Spaß gelacht, selbst die Religion, die einen leichten Fehltritt im Waschen oder anderen Vorschriften mit dem Tode bestraft, drückt hier ein Auge zu. Oft sah ich in Tschahrbag Abdullah Chan, der außerhalb der Stadt gelegen ist, Männer jedes Standes und Alter, die mit dem Kopf gegen die Wand stießen, sich im Staube wälzten, die Kleider zerrissen, um den Grad ihrer Neigung dem Wesen kundzugeben, das in der Ferne unter einem Baume dem Anscheine nach mit einem Buche beschäftigt war. Ich hielt diesen Ort für verborgen und wunderte mich nicht darüber, wie groß war daher mein Erstaunen, als ich auch auf dem Righistan in jeder Teebude ein solches Opfer sah, das der Spekulationsgeist, oft des eigenen Vaters, zum Magneten der Vorübergehenden hingesetzt hatte. Ich wich immer diesen Gräuelszenen aus und besuchte lieber die Teebude eines Chinesen aus Komul […].“

 Hermann Vámbéry, Reise im Mittelasien (19. Jh.)

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„Am ersten Tag des Fastenmonats Ramadan des Jahres 319 nach Hedschra [931 n.Chr.] trat auf Ibn ´Abi-Zakariya, von geburt aus Tamām [Iran], ein junger Mann vom schlechten Charakter, eine männliche Prostituierte. Da forderte er die Leute auf, ihn als den Herrn anzuerkennen und diese folgten ihm. Er befiel denen, die Bäuche der Toten aufzuschlitzen, sie zu waschen und sie mit Wein aufzufüllen, jedem die Hände abzuhacken, der mit seiner Hand das Feuer auslöscht und die Zunge des jeden, der das Feuer ausbläst. Er befiel den Geschlechtsverkehr mit jungen Männern (Knaben), aber mit dem Vorbehalt des Eindringens [ne justo magis penem immitterent – also des Analverkehrs]. Wenn jemand diese Regelung verletzt, der soll 18 Meter weit auf seinem Gesicht geschleift werden. Diejenigen aber, die keine Päderastie praktizieren würden, wurden geschlachtet. Er befiel ihnen das Feuer anzubeten und es zu verehren. Er verfluchte alle frühere Propheten und deren Gefährten, denn sie waren »kunstvolle Betrüger und auf dem falschen Weg« und mehr von dieser Art, von der ich ausreichend in meine Geschichte von Mubayyida und Karmatier berichtet habe.“

Al-Biruni, Archäologie alter Völker (10./11. Jh.)

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„Was noch zum Verfall der seßhafte Kultur führt, ist, daß man sich den Begierden, die der große Luxus entfacht, hingibt und sich ihnen ganz und gar überläßt. So werden die Begierden des Leibes nach Speis und Trank verfeinert. Dies geht einher mit einer Vervielfachung der sexuellen Freuden, den V er kehr auf verschiedene Art und Weise auszuüben, so durch Unzucht und Homosexualität. Dies führt zum Niedergang der menschlichen Gattung. Es geschieht zum einen dadurch, daß die Nachkommenschaft zum Beispiel durch Unzucht durcheinandergerät. Niemand weiß von seinem Sohn, ob dieser sein eigener ist, da sich die Spermien im Mutterleib vermischen. Die natürliche Fürsorge für die Kinder sowie die Obhutspflicht über sie gehen verloren. So kommen sie um, was dazu führt, daß die menschliche Gattung zu existieren aufhört. Die menschliche Gattung kann auch noch auf andere Weise verfallen, so durch Homosexualität, die direkt dazu führt, daß es keine Nachkommenschaft gibt. Sie trägt viel mehr als alles andere zum Niedergang der Gattung bei, da sie zur Nichtexistenz der Gattung führt, während die Unzucht nur zur Folge hat, daß man nicht weiß, wer von wem abstammt. Deshalb äußert sich die Rechtsschule des Mälik – Allah erbarme sich seiner – deutlicher als andere Schulen zur Homosexualität. Das beweist, daß sie tiefere Einsichten in die Absichten des religiösen Gesetzes und dessen Beachtung der allgemeinen Interessen hat. Dies sollte verstanden werden. Bedenke dabei, daß Höhepunkt und Ziel der menschlichen Kultur seßhaftes Dasein und Luxus sind. Hat die menschliche Kultur ihren Höhepunkt erreicht, schickt sie sich an zu verfallen und beginnt altersschwach zu werden – so, wie es im natürlichen Zyklus von Lebewesen auch der Fall ist. Wir sagen sogar, daß die Charaktereigenschaften, die aus dem seßhaften Dasein und dem Luxus resultieren, Quelle des Verfalls sind.“

Ibn Chaldun, Muqaddima  (14./15. Jh.)

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„In Europa, wo die christliche Religion eine heilsame Abscheu gegen bestimmte unnatürlich Vorstöße bildet, glaubt man kaum die Geschichten, die zeigen, wie weit diese ekelhaften Laster von den meisten Heiden und Muslimen getrieben werden, denen sie eine Art zweiter Natur geworden sind. Wir alle wissen, wie die Araber und ihre Nachbarstämme ihnen verfallen sind. […] Die Leichtigkeit, mit der ein Inder seinen Passionen in einem Land nachgehen kann, wo es Kurtisanen wie Sand am Meer gibt, macht diese widerlichen Praktiken zur Ausnahme, verhindert sie aber nicht vollständig. In den größeren Städten des Landes gibt es überall Häuser [für Päderasten], die diese abscheuliche Form der Prostitution dienen. Manchmal begegnet man in den Straßen den verkommenen Subjekten, die diesen verruchten Beruf ausüben; sie kleiden sich wie Frauen, lassen sich die Haare wie diese wachsen, zupfen sich die Flaumhaare im Gesicht aus und ahmen den Gang, die Gesten, die Redeweise, Stimmlage, Haltung und Affektiertheit von Dirnen nach. – Es kommen noch andere Schandtaten in Indien vor, vor allem bei den Muslimen, die ich aus Anstand nur beiläufig nennen will; es sind dieselben, die in der Bibel (Lev Kap. 18 u. 20) erwähnt werden und die über die Bewohner Kanaans, die sich derer schuldig gemacht hatten, so schreckliche Strafen herabbeschworen. – Da ich an die Möglichkeit einer solchen Verworfenheit gar nicht glauben wollte, fragte ich eines Tages einen Brahmanen, ob etwas daran sei an dem, was ich gehört hätte. Weit entfernt, die Geschichten zu leugnen, bestätigte er sie mit einem Schmunzeln; er zeigte sich über diese Ungeheuerlichkeit auch nicht schockiert, im Gegenteil schien er sich eher über die Verwirrung und Verlegenheit zu amüsieren, die ich beim Stellen der Frage verspürte. Schließlich sagte ich zu ihm: »Wie kann man glauben, dass sich der Geschmack so verirren kann, indem sich Menschen noch unter das Niveau der wilden Tiere herablassen, und das in einem Land, wo die Vereinigung der beiden Geschlechter so leicht ist?« »In diesen Sachen hat jeder seinen eigenen Geschmack«, antwortete er und brach in Gelächter aus. Über diese ungereimte Antwort empört und voller Verachtung für jemanden, der sich nicht schämte, so etwas zu äußern, machte ich auf der Stelle kehrt und ließ ihn ohne weiteres stehen. – Von frühester Zeit an waren diese unnatürliche Vergehen bei den heidnischen Völkern des Ostens üblich. In den Gesetzen, die Gott den Israeliten gab, warnte er sie, auf der Hut gegen diese schlimmen Laster zu sein, die vor allem bei den Einwohnern des Landes [Kanaanitern] vorkamen, wo sie hingehen und sich ansiedeln wollten und die eine der Hauptgründe für ihre völlige Ausrottung wurde. – Hätte die christliche Religion nichts weiter getan, als diese Ungeheuerlichkeiten als abstoßend und ungeheuerlich zu brandmarken, so würde das alleine ihr unsere Liebe und unseren Respekt sichern.“ 

Abbé J. A. Dubois, Leben und Ritten der Inder (18. Jh.)